• Maren Cremer

Ich weiß, wer ich bin...?

Es ist Mitte August. Die Abgasluft, die mich umgibt, lässt sich förmlich schneiden und trotzdem genieße ich den Moment hier für mich. 27 Grad und mir geht`s gut.

Ich lehne an meiner offenen Autotür und warte. Wohin ich auch schaue Beton, Zäune und rot-weiße Baustellenschilder. Alles ist etwas chaotisch am Ulmer Hauptbahnhof. Gerne hätte ich meine Mitfahrerin direkt vor dem Haupteingang eingesammelt, aber Bretter-Barrikaden und noch mehr Zäune versperrten mir den Weg.

Ich weiß von ihr, dass sie Tänzerin und erfolgreiche MMA-Kämpferin ist. Bachata und Vollkontakt-Kampfsport - ich bin gespannt, sie kennenzulernen. Auf dem spröden Asphalt nähern sich ratternde Kofferrollen und ich spüre, wie sich eine sehr harte Schale von Mensch auf mich zu bewegt.

Wir begrüßen uns auf Englisch. Und da ist es wieder. Dieses Gefühl, mich und die Situation in dem Moment von außen zu beobachten. Als würde ein unsichtbares Ich aus mir herausschweben und von oben alles mitverfolgen, was um mich herum passiert. Das passiert mir regelmäßig und ich hoffe, du kennst es und erklärst mich jetzt nicht für verrückt. :) Es ist so, als würde ich mich von meinem liebevollsten Selbst aus fernsteuern. Ich kann nichts dagegen tun und will es auch gar nicht, weil es sich immer ziemlich gut und richtig anfühlt.


Ein breites, offenes, wertfreies Lächeln kommt über mein Gesicht, als ich ihr Hallo sage. Meine Umarmung könnte ihr zu viel sein, denke ich und tue es trotzdem. Ich möchte diesem vermeintlich unnahbaren Muskelpaket signalisieren, dass sie bei mir sicher und vollkommen akzeptiert ist, wie sie ist. Wieso? Wieso möchte ich anderen Menschen immer ein gutes Gefühl geben? Wieso setze ich mich damit immer wieder der Gefahr aus, verletzt zu werden? Wieso gehe ich davon aus, dass sie auch eine weiche Seite hat?

Der erste Small Talk ist holprig und ihre einsilbigen, kühlen Antworten machen es mir nicht leicht, in meiner liebevollen und selbstbewussten Haltung zu bleiben. Andere Menschen mit solchen ruppigen Reaktionen hätten in mir schon längst wieder Unsicherheit und Selbstzweifel ausgelöst. Ich hätte mich verloren. Bei ihr ist es anders. Ein Funken Rückmeldung - vielleicht ist es ihre Körpersprache - gibt mir das Vertrauen, mich in meiner Verletzlichkeit stark zeigen zu können und ihr damit den Raum für Öffnung zu geben.

Ihre Sachen packen wir in den Kofferraum. Ein paar Nachfragen zu ihrer Herkunft und ihren letzten Erlebnissen lassen sie langsam auftauen. Ich spüre wie sich ein leichtes Netz von Vertrauen spannt, bis sie mir schließlich kurz vor Abfahrt das Video von ihrem ersten Bungee-Sprung zeigt. Das ist eine Woche her. Ihre Augen leuchten vor Aufregung und Stolz, wie sie ihn dort empfand. "Ich habe nicht geschrien", sagt sie cool. "Erst als mich das Seil wieder hat nach oben fliegen lassen, konnte ich vor Erleichterung laut 'Woohoooo' rufen. Davor war ich einfach nur still."

Mir schießt direkt eine Erinnerung in den Kopf. Ich kenne das. Genau diese Reaktion zeige ich beim Achterbahnfahren, was ich by the way nicht gern tue. Nur manchmal lasse ich mich überreden und finde mich in genau dieser Haltung, die sie mir von ihrem Bungee-Sprung beschreibt. Während der ersten heftigen Beschleunigung der Achterbahn bin ich immer eine von wenigen, die nicht kreischt. Ich kann nicht. Genau das erzähle ich ihr. Immerhin ist es etwas, was uns verbindet und das Eis noch mehr zum Schmelzen bringen könnte. Ihre Reaktion macht mich kurz sprachlos: "Ich weiß, du bist ein Mensch, der sich unter Kontrolle hat und nicht schnell in Panik verfällt."

Was? Du kennst mich gerade mal 3 Minuten. Woher weißt du das? Stimmt das? Keine Ahnung - sehr viele Gedanken und Gefühle huschen durch mich durch. Ich will sie ordnen und stelle Nachfragen, damit sie mir erklärt, was sie meint. "Pass auf! Menschen, die in Extremsituationen schreien, kreischen oder sonstige Überreaktionen zeigen, verlieren für den Moment die Kontrolle über sich. Sie handeln nicht mehr bewusst. Du hingegen wirst still, weil du deine gesamte Konzentration darauf richtest, deinen Körper so anzuspannen, dass ihm in dieser unnatürlichen Situation nichts passiert. Du behältst die Kontrolle über deinen Geist und bleibst bewusst im Hier und Jetzt. So bist du fähig, dich zu schützen."

Ich bin platt. Mit so einer plötzlichen Tiefe des Gesprächs und einer Analyse meiner Persönlichkeit hätte ich nicht gerechnet. Damit gibt sie mir eine komplett neue Sichtweise auf vieles. Zuvor hätte ich meine Achterbahn-Reaktion eher als schwach bezeichnet, weil ich nicht sofort vor Spaß jubele. Auch als Kind war ich immer schon diejenige, die sich nicht Hals über Kopf in Gruppen oder neue Erfahrungen gestürzt hat. Ich habe mich meistens erstmal in die Beobachter-Position begeben, um zu checken, ob ich sicher war. Ich war eher die Ruhige und Zurückhaltende. Alles aus Schutz? Vermutlich. Deshalb schwach? Vermutlich nicht.

Unsere erste Etappe dauert nicht lang. Sie hat große Lust auf Burger und ich halte an einem Rasthof. Ich möchte mir an der Tankstelle etwas Süßes holen und steige mit aus.

"Ich mag deinen Vibe." sagt sie aus dem Nichts. "Du bist in Frieden mit dir selbst. Du weißt, wer du bist." Wieder bin ich sprachlos.

Es ist doch verrückt, was sie nach so kurzer Zeit in mir sieht. Wer ist dieser Mensch? Und dann überrascht es mich auch wieder nicht. Wenn ich daran denke, dass ich all die Zeit über in starker Verbundenheit zu meinem liebevollsten Ich handelte, dann war ich innerlich in Frieden. Stimmt schon! Ein Frieden, der sich aus Selbstvertrauen, Verletzlichkeit zeigen und Liebe geben zusammensetzt.

Ob ich wirklich weiß, wer ich bin? Keine Ahnung. Manchmal meine ich, es ganz genau zu wissen. Manchmal bin ich in dieser Frage völlig lost. Ich bin auf dem Weg, es zu erfahren. Und vielleicht hat mir das Universum genau diese Begegnung geschickt, um mir klarer darüber zu werden wer ich bin. Eine tanzende MMA-Kämpferin - zart und stark - die mich mir selbst gegenüber beweisen lässt, dass ich hier bin, um Liebe zu geben. Ich bin so gespannt, was als nächstes passiert.


Halte deine Augen auf! Vielleicht ist es dein grummeliger Nachbar, von dem du eine Menge über dich lernen kannst.



Sei zart. Sei stark. Sei Du.

Maren

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